Ein Bekenntnis, das nicht bei mir beginnt: Jana und Tobias wollten sich nicht kennenlernen. Beide waren im August 2023 auf einer Solo-Reise durch den Balkan, beide wollten den Kopf freibekommen von einem beendeten Lebensabschnitt, und beide hatten das Hostel in Split gewählt, weil es das günstigste mit guten Bewertungen war. Vier-Bett-Zimmer, 19 Euro pro Nacht, Blick auf einen Innenhof mit gestapelten Plastikstühlen. Dass daraus zwei Jahre später ein gemeinsames Leben in Zagreb wurde, hätte keiner vorhergesagt.
Der erste Abend
Jana, damals 26, Kommunikationsdesignerin aus Leipzig, war drei Tage vorher in Split angekommen. Tobias, 29, Softwareentwickler aus Graz, kam am Abend. "Ich hatte einen zwölfstündigen Busmarathon aus Sarajevo hinter mir", sagt Tobias. "Ich habe mit niemandem reden wollen. Einfach duschen, Pizza holen, schlafen."
Im Zimmer waren zwei Polen, die sich Kopfhörer übergezogen hatten, und Jana, die mit einem Buch auf dem unteren Bett saß. Tobias warf seinen Rucksack auf das obere Bett, grüßte knapp und ging in den Gemeinschaftsraum. Eine Stunde später saß Jana mit zwei anderen Reisenden am großen Tisch, und Tobias setzte sich dazu — nicht, weil er wollte, sondern weil sonst kein Platz frei war.
Der Hintergrund, der sie zusammenbrachte
"Wir haben über etwas völlig Uninteressantes geredet", sagt Jana. "Die Busverbindung zwischen Sarajevo und Split. Er hatte den direkten Bus genommen, ich war über Mostar gekommen. Wir haben jeweils drei Sätze darüber verloren. Das war alles." Aber dabei blieb es nicht. Am nächsten Morgen trafen sie sich zufällig in der Hostelküche um 7:30 Uhr, beide Frühaufsteher. Kaffee, ein Brot, ein zweites Gespräch.
Die zweite Woche
Nach drei Tagen beschlossen sie, zusammen eine Tagesfahrt zur Insel Brač zu machen. Die Fähre aus Split Hafen nach Supetar dauert 50 Minuten und kostet 5 Euro pro Person. In Supetar mieteten sie zwei Roller für 25 Euro pro Tag und fuhren zum Goldene Horn Strand bei Bol. Das klingt nach klassischer Urlaubsszene. Was dort aber zwischen ihnen passierte, war eine Entscheidung, die keiner aussprach: Sie machten den nächsten Tagesausflug zu zweit. Und den übernächsten.
Nach einer Woche hatte Jana ihren Aufenthalt verlängert. Tobias auch. Beide verschoben den Rückflug, zahlten die Umbuchung (40 bzw. 65 Euro) und reisten weiter zusammen.
Wir haben uns nicht verliebt in einem großen Moment. Wir haben uns verliebt in den Busbahnhof von Ploče, wo wir eine Stunde auf den Bus gewartet und uns gegenseitig Witze über das kroatische Busnetz erzählt haben.
Das Jobangebot
In der dritten Reisewoche waren sie in Zagreb. Jana hatte einen ehemaligen Kommilitonen, der in einer Agentur in Zagreb arbeitete — sie wollte ihn nur für einen Kaffee treffen. Er lud sie zum Mittagessen in die Agentur ein. Tobias kam mit. Die Agentur war eine mittelgroße deutsche Dependance, die gerade einen Back-End-Entwickler suchte. Der Geschäftsführer setzte sich zum Mittagessen dazu und fragte Tobias nach 20 Minuten, ob er Interesse hätte, sich zu bewerben.
Tobias sagt: "Ich habe in diesem Moment gelacht, weil ich dachte, er meint es nicht ernst. Aber er hat es ernst gemeint." Eine Woche später, zurück in Graz, hatte Tobias das schriftliche Angebot. Jana hatte schon Ende September einen Projektauftrag in Zagreb von einer Agentur, die die Leipziger Kollegen empfohlen hatten. Nicht eine ganze Stelle, aber genug, um erste Monate zu überbrücken.
Der Umzug
Der Umzug nach Zagreb passierte nicht auf einmal. Tobias zog im November, Jana im Januar nach. Die Wohnung, die sie schließlich gemeinsam nahmen, liegt im Stadtteil Donji Grad, zwei Zimmer, 62 Quadratmeter, 580 Euro Kaltmiete. In Graz hatte Tobias die gleiche Fläche für 820 Euro bezahlt, in Leipzig Jana 710 Euro. Kroatien ist in den Hauptstädten nicht mehr so billig wie 2018, aber immer noch unterhalb mitteleuropäischer Niveaus.
Was nicht glatt lief
Es gab in den ersten drei Monaten in Zagreb drei ernsthafte Krisen.
- Die Sprachbarriere mit Behörden. Beide sprachen kein Kroatisch. Englisch funktionierte in der Agentur, aber nicht im Einwohnermeldeamt. Eine Anmeldung dauerte einen halben Tag mit einem Bekannten als Übersetzer.
- Die Wohnungssuche. Die erste Wohnung, die sie per E-Mail reserviert hatten, war bei Ankunft bereits vergeben. Fünf Tage im Hotel, gemeinsam 430 Euro extra.
- Der Dezember. Beide waren in einem Land, das sie nicht verstanden, in einem gemeinsamen Zuhause, das noch nicht warm war. Ein Streit Mitte Dezember, der sich um Thermostate drehte, war eigentlich ein Streit über die Geschwindigkeit, mit der sie Entscheidungen getroffen hatten.
Sie haben die Krise nicht auf die Reise geschoben. Sie haben stattdessen eine Stunde Gespräch vereinbart, in der sie gesagt haben: Was haben wir übersehen? Beide nannten drei Dinge. Eine Woche später war die Liste abgearbeitet.
Zwei Jahre später
Stand März 2026 leben Jana und Tobias seit 28 Monaten in Zagreb. Beide sprechen inzwischen Kroatisch auf B1-Niveau. Tobias arbeitet weiterhin in der Agentur, Jana hat sich selbstständig gemacht und arbeitet für Kunden in Österreich, Deutschland und Kroatien. Sie fahren zweimal pro Jahr nach Hause zu den Familien — einmal im Sommer zu Janas Eltern an der Ostsee, einmal zu Weihnachten zu Tobias' Eltern in der Steiermark.
Sie sind nicht verheiratet. Sie haben keine Kinder im konkreten Plan. Sie sagen: Das nächste große Gespräch steht in ein, zwei Jahren an.
Was die beiden rückblickend sagen
- Ein zufälliges Gespräch zählt mehr als eine Absicht. Keiner der beiden war auf einer Singlereise. Beide wollten allein sein.
- Früh zusammen reisen zeigt die Reibungen. In drei Wochen gemeinsamer Reise sieht man mehr, als in drei Monaten Fernbeziehung.
- Ein Jobangebot als Anker ist ungewöhnlich. Aber wer es bekommt und beide Seiten stützt, kann die Beziehung in eine stabile Form bringen. Ohne den Zagreb-Job hätten sie vermutlich eine Fernbeziehung Graz–Leipzig versucht und wären damit gescheitert.
- Hostels sind keine romantischen Orte. Aber sie sind ehrliche Orte. Wer jemanden in einem Hostel sympathisch findet, sieht die Person ohne Kulisse.
- Zagreb ist unterschätzt. Zur Lebensqualität: Beide würden in keine ihrer alten Städte zurückwollen.
Die praktischen Details für die Nachmacher
Wer im Sommer selbst nach Kroatien reist und eine ähnliche Offenheit mitbringen möchte, findet hier die Logistik: Flug Wien/München/Zürich nach Split 80–180 Euro, Split–Dubrovnik mit dem Bus 5 Stunden (18 Euro), Zagreb per Bahn ab Split 6 Stunden (25 Euro). Hostels in der Altstadt von Split 18–28 Euro pro Nacht, Privatzimmer 40–60 Euro. Lebensunterhalt in Kroatien: 20–30 Prozent unter deutschem Niveau außerhalb der Hauptstadt, in Zagreb nur 10–15 Prozent darunter.
Und: Ein Satz Kroatisch, der überall Türen öffnet: "Dobar dan, kako ste?" ("Guten Tag, wie geht es Ihnen?"). Drei Wörter, zehn Sekunden, verändern die Interaktion sichtbar.
Was bleibt
Die Geschichte von Jana und Tobias ist keine Vorlage, die man kopieren kann. Sie ist ein Beispiel dafür, dass die besten Reise-Begegnungen oft dort beginnen, wo niemand sie geplant hat. Nicht im Flughafen-Café von Bali. Nicht in der Cocktailbar von Tulum. In einem 19-Euro-Hostelzimmer in Split, mit zwei Polen mit Kopfhörern als Zeugen.
Beim nächsten Solo-Trip: Lassen Sie Raum für Zufälle. Sitzen Sie in Gemeinschaftsräumen, auch wenn Sie müde sind. Reden Sie über den Busfahrplan, auch wenn es banal klingt. Manchmal ist banal das, was stabile Beziehungen trägt.