Ein Bekenntnis: Diese Geschichte ist keine Liebesgeschichte im klassischen Sinn. Es gibt keinen großen Moment, keine eindeutige Szene, in der alles kippt. Was Marina und Luca erzählen, ist etwas anderes: Eine Reihe kleiner, normaler Entscheidungen, die sich nach drei Jahren als gemeinsames Leben in einer Wohnung über dem Comer See herausstellen. Ein Reisebeginn, eine lange Gespräch, eine Kaffeepause, ein Datum im Kalender — das ist die Summe.
Die erste Nacht im Abteil
Es war ein Mittwoch im November, Zürich Hauptbahnhof, Gleis 9. Der ÖBB-Nightjet Zürich–Rom fährt um 20:20 Uhr ab und kommt um 9:35 Uhr am Tag darauf in Roma Termini an. Marina, damals 31, Schweizer Architektin auf dem Weg zu einem beruflichen Treffen in Rom. Luca, 34, italienischer Geologe, auf der Rückreise von einem Kongress in Basel. Beide hatten ein Liegewagen-Ticket gebucht, in einem Sechser-Abteil.
"Ich wollte ehrlich gesagt nur schlafen", sagt Marina. "Ich hatte das Ticket aus Budgetgründen gebucht, 89 Euro, und war auf eine unbequeme Nacht vorbereitet. Wir waren zu viert in dem Abteil — zwei ältere Leute, ein Jugendlicher, und Luca und ich auf den oberen Liegen."
Was die Geschichte Fahrt aufnehmen ließ, war der Speisewagen. Marina ging um 22 Uhr ein Glas Wein holen, weil ihr das Abteil zu eng wurde. Luca saß bereits am Tisch, mit einer Flasche Mineralwasser und einem Buch über Geologie der Alpen. Er sprach sie auf Deutsch mit italienischem Akzent an: "Entschuldigen Sie, dürfte ich Sie stören, oder möchten Sie lesen?"
Das Detail, das bleibt
Marina sagt, es war dieses "Entschuldigen Sie, dürfte ich Sie stören" — nicht der Inhalt, sondern die Höflichkeit und die Präzision der Frage. Sie setzte sich, sie redeten bis 1 Uhr morgens über Gletscherrückzug, Züricher Architektur und warum Rom im Winter die ehrlichere Rom ist. Keine Flirt-Dynamik, keine Lines. Ein Gespräch zwischen zwei müden Menschen in einem fahrenden Zug.
Der Morgen in Rom
Um 9:35 Uhr kamen sie in Termini an. Marina hatte einen Termin um 11 Uhr. Luca wohnte in Monteverde, eine Tramfahrt entfernt. Beim Aussteigen tauschten sie die Nummern. "Nicht mit Plan", sagt Luca. "Nur so. Man tauscht Nummern, wenn man zwei Stunden geredet hat und nett miteinander war."
Marina blieb drei Tage in Rom. Am zweiten Tag schrieb Luca, ob sie Lust hätte, um 18 Uhr einen Kaffee zu trinken. Nicht Abendessen — Kaffee. "Das fand ich gut gewählt", erinnert sich Marina. "Abendessen wäre zu viel gewesen nach einer Zugnacht. Ein Kaffee ist höflich, kurz und offen."
Wir haben dreieinhalb Stunden Kaffee getrunken, in einer Bar in Trastevere, die mittags offen ist und abends schließt. Um 21:30 Uhr mussten wir beide woanders hin. Wir hatten uns nicht verabredet, aber wir haben uns gefunden.
Die sechs Monate dazwischen
Marina zurück in Zürich, Luca in Rom. 675 Kilometer Luftlinie, 11 bis 14 Stunden Reise je nach Route. Sie schrieben, aber nicht inflationär. Einmal am Tag, manchmal weniger. "Wir hatten beide unser Leben", sagt Luca. "Wir wollten das nicht aufgeben für ein Gefühl, das wir noch nicht einordnen konnten."
Das erste geplante Wiedersehen war drei Wochen nach Rom. Luca kam für ein Wochenende nach Zürich, Flug 140 Euro. Dann Marina nach Rom, zwei Wochen später. Zwischen Dezember und Mai: sieben Besuche, wechselweise, jeweils drei bis vier Nächte.
Was nicht lief
Es gab nicht nur sanfte Phasen. Im Februar gab es einen Streit per Telefon, der zwei Tage Funkstille produzierte. Lucas Reaktion auf Marinas Absage eines geplanten Wochenendes war schärfer, als er erwartet hatte. Marina hatte einen Kundentermin, der sich verschob, und Lucas Kalender war schon gebucht, nicht flexibel. "Ich dachte, ich bin ihr nicht wichtig genug", sagt Luca. "Sie dachte, er versteht meinen Beruf nicht. Beide Sätze waren falsch, aber wir brauchten einen Tag, um das zu merken."
Der Punkt der Entscheidung
Im Mai, nach sechs Monaten, stand die Frage auf dem Tisch, die bei jeder Fernbeziehung irgendwann kommt: Weiter so, zusammenziehen, oder Ende. Beide hatten Jobs, die sie mochten. Keiner von ihnen wollte einfach den eigenen beruflichen Kontext aufgeben. Die Lösung, die sie fanden, ist typisch für Menschen, die nicht in den Extremen denken: Ein geografischer Kompromiss.
Como. Italienische Schweiz-Grenze. Mit dem Zug eine Stunde von Mailand, anderthalb von Zürich, vier von Rom. Marina konnte ihre Architekturprojekte in Italien ausbauen und weiter nach Zürich pendeln. Luca bekam eine Stelle am regionalen Umweltamt. Eine Wohnung über dem See, zwei Zimmer und eine kleine Terrasse mit Morgenlicht, 1.100 Euro kalt.
Drei Jahre später
Marina und Luca leben seit März 2023 in Como. Marina pendelt zwei Tage pro Woche nach Zürich, Luca bleibt in Como. Am Wochenende sind sie gemeinsam da. Sie sind nicht verheiratet, haben das auch nicht vor. Sie haben einen kleinen Hund aus dem Tierheim Bellinzona. Sie haben keine Kinder.
Das klingt unspektakulär, und das ist der Punkt. "Die Zug-Geschichte ist der einzige filmreife Teil", sagt Marina. "Alles danach ist normal gewesen. Das hat uns gutgetan."
Was sie aus der Geschichte mitnehmen
- Höflichkeit schlägt Charme. Eine präzise Frage öffnet Türen, die ein auffälliger Eröffnungssatz zuschlägt.
- Kleine Formate (ein Kaffee statt ein Abendessen) lassen Raum für den zweiten Schritt, der dann oft besser ist als der erste.
- Fernbeziehung mit Ablaufdatum. Beide wussten von Anfang an, dass es maximal ein Jahr Fern sein würde. Das schützt vor der Warteschleife.
- Ein geografischer Kompromiss ist nicht romantisch, aber oft stabiler als der große Umzug einer Seite.
- Streiten früh, damit man weiß, wie der andere kämpft. Wer sich in den ersten drei Monaten nur lieb hat, kennt nur die Hälfte des Menschen.
Die praktische Notiz zum Schluss
Der Nightjet Zürich–Rom fährt weiterhin. Liegewagen 89–130 Euro je nach Buchungszeitpunkt, Schlafwagen (privat) 230–350 Euro für zwei. Der Speisewagen ist in Betrieb, öffnet um 20 Uhr und schließt um 1 Uhr.
Marina und Luca sagen, sie nehmen den Nachtzug noch immer ein- bis zweimal im Jahr, wenn beide in Rom zu tun haben. "Nicht aus Nostalgie", sagt Luca. "Es ist einfach praktisch. Aber jedes Mal bekommen wir ein Sechser-Abteil und denken beide dasselbe, ohne dass wir es sagen müssen."
Wenn Sie diese Strecke fahren: Seien Sie höflich zu Unbekannten, fragen Sie eher nach als vor, gehen Sie um 22 Uhr in den Speisewagen. Sie wissen nie, wer dort mit welchem Buch sitzt.